Kritik mit Kinderschuhen: Baby Steps von Sung Tieu | #93

Shownotes

Die Künstlerin dieser Folge holt mit ihren Arbeiten bislang wenig beachtete Geschichten ans Tageslicht und gräbt sich dafür gerne in Archive ein. Was ihr Werk „Baby Steps” mit einem Pissoir zu tun hat, weshalb es einen wichtigen, jedoch kaum bekannten Teil deutscher Geschichte reflektiert und warum das vor allem vietnamesische Arbeiter*innen betraf, erklärt Kunstcomedian Jakob Schwerdtfeger.

Das Werk in der Onlinesammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/kunstwerke/Sung-Tieu/Baby-Steps/1E81C71CE25D4407B4B2AE2CE127724F/

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Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Text: Jakob Schwerdtfeger
Redaktion: Lara Di Carlo, Tabea Schwarze, Leonie Stieber
Idee: Daniela Sistermanns, Sarah Ball, Tabea Schwarze
Beratung: Thomas Frank
Ton und Schnitt: Lara Di Carlo
Sounddesign und Musik: Milan Fey, Auf die Ohren GmbH
Sprecher Intro und Outro: Martin Petermann, Auf die Ohren GmbH
Sprecherin der Rubriken: Lena Günther, Auf die Ohren GmbH
Foto: Bruno Kelzer | kelzer.de
Gestaltung: Pia Schmeckthal, Auf die Ohren GmbH

Transkript anzeigen

Kunstsnack. Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Kritik mit Kinderschuhen: Baby Steps von Sung Tieu, 2021

Zu Beginn direkt ein Funfact: Die Künstlerin dieser Folge heißt Sung Tieu und sie macht spannende Kunst. Dazu kommen wir gleich. Aber als Jugendliche hat sie einfach in der Serie „Türkisch für Anfänger“ mitgespielt. What? Krasser wäre ja nur ein Gastauftritt bei Richter Alexander Hold oder GZSZ. Allerdings blickt Sung Tieu heute kritisch auf ihre Schauspielrolle und reflektiert die teils rassistischen Klischees. Sung Tieu hat vietnamesische Wurzeln und bei „Türkisch für Anfänger“ hieß ihre Rolle zum Beispiel Ching, dabei ist das überhaupt kein existierender Name in Vietnam. Und damit sind wir eigentlich auch schon bei einigen Hauptthemen Tieus Kunst: Rassismus und Reflexion von Geschichte.

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe hat ein sehr interessantes Werk von Sung Tieu in ihrer Sammlung. Das trägt den Titel „Baby Steps“ und ist von 2021. Ehrlich gesagt, habe ich bei der Recherche und Vorbereitung für diese Podcastfolge richtig viel gelernt, das ich nicht wusste. Denn Sung Tieu schafft mit ihrer Kunst neue Zugänge zu wichtigen Themen. Und in genau diesen Prozess möchte ich euch mitnehmen. Glaubt mir, es ist bereichernd. Also, los geht’s!

Der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe mit dem Comedian und Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger.

Wenn ihr euch das Werk dieser Folge anschauen wollt, in den Shownotes ist ein Link zur Abbildung.

Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung

Ja, was gibt’s hier zu sehen? Nicht allzu viel, ehrlich gesagt: Eine Metallbox mit einem Paar Kinderschuhe aus Leder. Dazu passt natürlich der Titel „Baby Steps“ super. Und dann gibt es noch einen dreiseitigen Arbeitsvertrag für Arbeitsmigrant*innen aus Vietnam in der DDR. Jedes der drei Blätter von dem Vertrag ist in einem weißen Rahmen. Das war’s. Auf den historischen Hintergrund und die Bedeutung gehe ich gleich ein. Und ja, es ist ein unscheinbares Werk. Wir haben es hier nicht mit einem Gemälde oder eine Skulptur zu tun, sondern mit einem sogenannten Readymade, das hier mit minimalistischen Mitteln präsentiert und in einen historischen Kontext eingebunden wird. Aber was ist ein Readymade überhaupt? Das klären wir jetzte!

Was macht das Werk so besonders?

Wie eben gesagt, das Werk dieser Folge ist ein Readymade. So bezeichnet man Alltagsgegenstände, die zum Kunstwerk erklärt werden. Bekannt für diese Methode ist der Franzose Marcel Duchamp. 1913 befestigte er eine Fahrradgabel mit Rad verkehrt herum auf einem Hocker. So wie manche zur Beruhigung ein Aquarium anschauen, ließ er das Rad im Atelier drehen und betrachtete die Bewegung. Meine Mutter hat mich als Kleinkind viel vor der laufenden Waschmaschine geparkt, die auf mich eine nahezu hypnotische Wirkung hatte, daher kann ich das alles gut nachvollziehen. Für Duchamp war die Hocker-Konstruktion kein Kunstwerk, aber es brachte ihn auf die Idee, Alltagsgegenstände künstlerisch zu nutzen. Kurz darauf schnappte er sich unter anderem einen Flaschentrockner und eine Schneeschaufel, signierte beide Objekte und erklärte sie dadurch zu Kunst. 1916 hängte er laut eigener Aussage sogar Readymades an den Kleiderständer einer Galerie. Eine Revolution für die Kunst, nur leider nahm sie niemand wahr.

Das änderte sich 1917. Da signierte Duchamp ein Pissoir, gab ihm den poetischen Titel Fontäne und reichte das Ganze bei einer Ausstellung als Kunstwerk ein. Zack! Mega Skandal! Das Pissoir wurde abgelehnt, weil es keine Kunst sei, aber die Provokation war geschehen. Nie zuvor wurde so radikal hinterfragt: Was ist Kunst? Also, ein echt krasser Move und in dieser Tradition des Readymade steht das Werk von Sung Tieu.

Übrigens gibt es in der Kunstgeschichte aktuell eine rege Diskussion, ob nicht doch eine Frau das Readymade erfunden hat, nämlich die Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven. Die schuf ziemlich zeitgleich zu Duchamp ihre Werke aus weggeworfenen Gegenständen, die sie meist am Körper trug. Sie lief durch New York mit einem Büstenhalter aus Tomatendosen, Ohrringen aus Teelöffeln und Hüten mit vergoldetem Gemüse – insgesamt also ein mutiges Outfit für Bewerbungsgespräche oder zum Kennenlernen der Schwiegereltern. Manchmal ließ die Künstlerin es auch weihnachtlich angehen und behängte sich selbst mit Christbaumschmuck. Ihr merkt also, Readymades bieten viele Möglichkeiten. Jetzt aber Schluss mit dem kunsthistorischen Exkurs! Kommen wir wieder zum Werk dieser Folge und beleuchten mal, worum es bei den Kinderschuhen und dem Arbeitsvertrag überhaupt geht.

Background-Check: Hintergrund Infos

Um Sung Tieus‘ Werk „Baby Steps“ zu verstehen, müssen wir ein bisschen in die Geschichte der DDR eintauchen: In der DDR herrschte ein Mangel Arbeitskräften, sodass ab 1950er viele sogenannte Vertragsarbeitende aus Vietnam in die DDR kamen. Am 11. April 1980 geschlossen zwischen der DRR und Vietnam getroffen. Viele vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen kamen so in die DDR. Der Deal war eigentlich, dass sie eine Ausbildung bekommen und im Gegenzug ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Doch in der Realität wurden sie oft nur als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und erledigten Jobs, auf die kaum jemand Lust hatte. Es handelte sich häufig monotone, körperlich schwere, gesundheitsschädigende oder im Schichtbetrieb organisierte Tätigkeiten. In vielerlei Hinsicht kam es zu Benachteiligung, Rassismus und Ausgrenzung. Hier ein paar Beispiele: Der Kontakt zwischen vietnamesischen Menschen und der DDR-Bevölkerung sollte möglichst minimiert werden. Also lebten die vietnamesischen Arbeiter*innen meist in extra Wohnheimen, ziemlich isoliert und auf sehr wenig Raum. Vertragsarbeitende sollten außerdem nicht dauerhaft in der DDR bleiben, daher war ihr Aufenthalt auf 2 bis 5 Jahre begrenzt. Danach mussten sie gehen. Familien durften nicht nachziehen. Paare wurden bei der Ankunft in der DDR getrennt. Schwangere Frauen mussten entweder abtreiben oder wurden abgeschoben. Von Gleichberechtigung kann hier also keine Rede sein. Das endete auch nicht mit dem Mauerfall. Etwa die Hälfte aller vietnamesischen Vertragsarbeitenden verloren ihren Job. Viele gingen zurück nach Vietnam. Die, die blieben, hatten es nicht leicht. Sie durften nicht im Westen Arbeit suchen und mussten für ihre Rechte kämpfen. Erst 1997 wurden die Vertragsarbeitenden mit anderen Arbeitsmigrant*innen gleichgestellt. Es kam außerdem zu rassistischen Übergriffen wie etwa bei den Pogromen 1992 in Rostock-Lichtenhagen, bei denen auch ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeitende angegriffen wurde. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir war dieses ganze historische Kapitel nicht bewusst. Und genau das möchte die Künstlerin Sung Tieu ändern. Mit ihrem Werk „Baby Steps“ will sie diese Geschichte sichtbar machen, die sie auch ganz persönlich berührt. Und damit kommen wir jetzt zur Bedeutung ihres Kunstwerks.

Worum geht’s hier eigentlich? Die Message

Sung Tieu wurde 1987 in Vietnam geboren und kam 1992 Jahren nach Deutschland. Ihr Vater war ein paar Jahre zuvor in die DDR gekommen und hatte in einer Stahlfabrik gearbeitet. Die Eltern trennten sich und Sung Tieu wuchs mit ihrer Mutter in einem großen Berliner Wohnkomplex auf. Die Bedingungen waren schwierig, es gab gewalttätige Angriffe von Neonazis. Die Geschichte von vietnamesischen Vertragsarbeitenden und dem damit einhergehenden Rassismus ist also eng mit der Biografie der Künstlerin und ihrer Familie verwoben.

Das Werk dieser Folge besteht ja aus einer Metallkiste mit Kinderschuhen, diese wurden in der DDR produziert in einem sogenannten „Volkseigenen Betrieb“, abgekürzt auch VEB. Sung Tieu wirft die Fragen auf: Wer hat diese Schuhe hergestellt? Und unter welchen Bedingungen? Es ist Kritik mit Kinderschuhen. Zu dem Kunstwerk gehören ja auch drei Seiten eines Arbeitsvertrags für vietnamesische Arbeiter*innen. Hier wird das Arbeitsverhältnis ganz bürokratisch geklärt. Der Künstlerin geht es um einen Gegensatz: Die offizielle Darstellung und Regelung der Vertragsarbeitenden aus Vietnam versus deren tatsächliche Lebensrealität. Die unpersönliche Bürokratie versus die einzelnen Schicksale.

Doch Sung Tieu macht das nicht dramatisch oder anklagend. Sie präsentiert die Schuhe in einer Metallkiste und die einzelnen Vertragsseiten in weißen Rahmen – diese cleane Ästhetik ist typisch für Sung Tieu. Ihre Kunst kommt oft sehr sachlich und kühl daher. Die Werke könnten auch direkt aus einem sehr gepflegten Archiv stammen, was passt, denn die Künstlerin gräbt sich gern in Archive ein, recherchiert gewissenhaft und holt bislang wenig beachtete Geschichten ans Tageslicht. Der Werktitel „Baby Steps“ kann deshalb auch für die kleinen Schritten stehen, mit denen sie diese Perspektiven ins öffentliche Bewusstsein bringen möchte. In Sung Tieus Kunst geht es um die Auswirkungen von Macht, Wirtschaft und Bürokratie. Offizielle Dokumente zu sichten und zu analysieren ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. Sie selbst sagt dazu: „It is, on the surface, a boring topic, but in that way it is interesting. Das Kleingedruckte—the small print—matters.” Als jemand, der mal einen richtig dummen Handyvertrag abgeschlossen hat, kann ich nur bestätigen: Jap, das Kleingedruckte ist wirklich wichtig!

Sung Tieus Werk aus der Kunsthalle Karlsruhe wirft auch ganz aktuelle Fragen auf: Wie gehen wir heutzutage mit Migration um? Wie behandeln wir Menschen aus anderen Kulturen und Ländern? Unter welchen Bedingungen arbeiten sie hier? Und was können wir aus der Geschichte lernen? Man kann also über das Werk dieser Folge durchaus sagen: simple Erscheinung, große Wirkung. Ich hoffe, ihr konntet aus dieser Episode Kunstsnack was mitnehmen. Wir hören uns bald wieder mit der nächsten Folge. Bis dahin, danke fürs Zuhören, Ciao.

Das war der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Mit Jakob Schwerdtfeger. Eine Produktion der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Abonniert unseren Podcast und folgt uns bei Instagram. Habt Ihr Themenwünsche, schreibt uns via Directmessage oder per Mail an digital@kunsthalle-karlsruhe.de.

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