Geheimagent mit Heuschnupfen: Bildnis Heinrich Freiherr von Welck von Alexander Kanoldt | #92

Shownotes

Das Bild dieser Folge wäre ein wunderbares Plakatmotiv für einen Agentenfilm, denn der dargestellte Mann trägt einen Hut tief ins Gesicht gezogen und wirkt mysteriös! Der Künstler Alexander Kanoldt stellte in diesem Porträt seinen Freund Heinrich Freiherr von Welck dar. Was das Werk mit Heuschnupfen zu tun hat und welche spannende Herkunftsgeschichte hinter dem Bild steckt, erzählt Kunstcomedian Jakob Schwerdtfeger in dieser Folge.

Das Werk in der Onlinesammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/kunstwerke/Alexander-Kanoldt/Bildnis-Heinrich-Frhr-von-Welck/6CB4F35E9C594357924F6198EF10E688/

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Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Text: Jakob Schwerdtfeger
Redaktion: Lara Di Carlo, Tabea Schwarze, Leonie Stieber
Idee: Daniela Sistermanns, Sarah Ball, Tabea Schwarze
Beratung: Thomas Frank
Ton und Schnitt: Lara Di Carlo
Sounddesign und Musik: Milan Fey, Auf die Ohren GmbH
Sprecher Intro und Outro: Martin Petermann, Auf die Ohren GmbH
Sprecherin der Rubriken: Lena Günther, Auf die Ohren GmbH
Foto: Bruno Kelzer | kelzer.de
Gestaltung: Pia Schmeckthal, Auf die Ohren GmbH

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Kunstsnack. Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Geheimagent mit Heuschnupfen: Bildnis Heinrich Frhr. von Welck von Alexander Kanoldt, 1922

Das Bild dieser Folge wäre ein wunderbares Plakatmotiv für einen Agentenfilm, quasi ein James Bond Bild. Denn es ist ein Porträt von einem Mann, der einen Agentenhut tief ins Gesicht gezogen hat. Sehr mysteriös! Es ist tatsächlich ein besonderes Werk, denn der Künstler Alexander Kanoldt fremdelte mit Porträts. Eigentlich war das nicht so sein Ding. Der Maler war sehr scheu und eher distanziert. Jemanden lange als Modell vor sich zu haben, war vermutlich nicht seine Lieblingsbeschäftigung. Ein Schulkamerad nannte Kanoldt mal „der etwas Ungemütliche“. Eine nette Umschreibung für „Weirdo“.

Das Werk dieser Folge trägt den Titel „Bildnis Heinrich Freiherr von Welck“. Merkt euch die beiden Namen bitte. Also noch mal: Der Dargestellte heißt Heinrich Freiherr von Welck und der Künstler Alexander Kanoldt. Das Bild befindet sich in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und stammt aus dem Jahr 1922. So, und hier noch ein kleiner Cliffhanger, damit ihr Bock auf diese Folge bekommt: Dieses Bild hat eine Herkunftsgeschichte… wow! Die Story um dieses Gemälde könnte tatsächlich aus einem Agentenfilm stammen, aber dazu später mehr. Jetzt starten wir erst mal direkt rein in diese Folge. Viel Spaß!

Der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe mit dem Comedian und Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger.

Schaut euch das Bild dieser Folge gerne selbst an. Das Format Podcast ist natürlich zum Hören, aber bei Kunstsnack kann man auch Gucken! Denn in den Shownotes ist ein Link zur Abbildung. Und dort könnt ihr euch das Werk dann anschauen. Vertraut mir: Es lohnt sich. Aber jetzt gibt’s natürlich auch eine kurze Bildbeschreibung.

Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung

Alexander Kanoldts Werk ist ein Brustporträt. Wir sehen: Heinrich Freiherr von Welck, ein Rechtsanwalt und Freund des Künstlers. Er trägt ein weißes Hemd, eine gelbe Krawatte und darüber ein bräunliches Sacko, vielleicht auch einen Mantel – so ganz genau kann man das nicht sehen. Das Gesicht ist schmal geschnitten, die kantigen Konturen werden betont, ein Lichtstrahl fällt auf die Kinnpartie. Das Porträt lässt sich nicht verorten, der Hintergrund besteht aus einer diffusen, dunkelgrünen Fläche.

Wie kommt der Eindruck zustande, dass man bei diesem Bild direkt an einen Geheimagenten denkt? Ich würde sagen, es sind vor allen zwei Dinge. Erstens: Der Hut. Der Dargestellte trägt einen schwarzen, eleganten Hut, tief ins Gesicht gezogen. Das ist ja DAS Merkmal von Geheimagenten aus Filmen. So wie Clowns eine rote Nase brauchen und Hausmeister einen gigantischen Schlüsselbund. Der zweite Grund, warum alles ziemlich Agentenmäßig wirkt: Die geheimnisvolle Stimmung des Bildes. Das gesamte Porträt ist ziemlich dunkel gehalten, ein schummriger Vibe umgibt das Bild. Außerdem kann man die Augen des Dargestellten nicht sehen, weil sie vom Hut verdeckt werden. Mehr Geheimagenten-Style geht ja kaum – fehlt nur noch die Zeitung mit zwei Gucklöchern.

Und es gibt auf dem Werk noch ein sehr kurioses Detail.

Wer hätte das gedacht? Faszinierender Funfact

Heinrich Freiherr von Welck hat auf dem Bild den Mund leicht geöffnet. Will uns der Dargestellte etwas sagen? Oder ist es eine Referenz auf das weltberühmte Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer, auf dem die Frau den Mund ebenfalls leicht geöffnet hat. Nein, der Grund für den offenen Grund ist viel banaler: Heuschnupfen! Freiherr Heinrich von Welck konnte zu der Zeit einfach nicht durch die Nase atmen. Er selbst nannte das Bild deshalb auch spaßeshalber „Der asthmatische Baron“. Find ich einen wunderbaren Funfact. Aber wie lässt sich dieses Porträt kunsthistorisch einordnen? Dazu kommen wir jetzt.

Der Epochen-Check

Alexander Kanoldt war ein prominenter Künstler der Stilrichtung Neue Sachlichkeit. Diese hatte ihre Hochphase während der Weimarer Republik, also 1918–1933. Zur Erinnerung: Das Bild dieser Folge ist von 1922. Die Neue Sachlichkeit zeichnet sich dadruch aus, dass man die Gesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit zeigen wollte, dabei ähneln die Werke oftmals Sozialstudien. Der Fotograf August Sander kreierte zum Beispiel die Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“, in der er über 600 Porträtaufnahmen von allen möglichen Berufsständen und Milieus machte, egal ob Boxer, Reinigungskraft oder Richter. Die Neue Sachlichkeit war größtenteils keine Gute-Laune-Kunst, viele Personen auf den Gemälden gucken ungefähr so grimmig wie Bernd das Brot. Auch Kanoldts Porträt hat eher einen schwermütigen, nachdenklichen Vibe.

Die Neue Sachlichkeit Kunstrichtung war um Nüchternheit und Distanziertheit bemüht, der Stil war objektiv, klar, präzise. Passenderweise klingt allein schon der Name „Neue Sachlichkeit“ so steril, als wäre er in irgendeiner deutschen Amtsstube ausgedacht. In Wirklichkeit allerdings entstand diese Bezeichnung 1925 als Ausstellungstitel für eine Schau in der Kunsthalle Mannheim.

Die Neue Sachlichkeit nahm häufig gesellschaftskritische Formen an. Man wollte die Schattenseiten der Großstadt aufzeigen und Probleme schonungslos darstellen. Ein häufiges künstlerisches Thema waren die Folgen des Ersten Weltkriegs. Für viele Menschen war der Alltag von Armut und Arbeitslosigkeit geprägt, die Schlachtfelder hinterließen Traumata, Verluste, Verletzungen. Reparationszahlungen beutelten die Wirtschaft und es kam zur Hyperinflation, sodass im November des Jahres 1923 ein US-Dollar 4,2 Billionen Mark entsprach – ein Wechselkurs, als hätte ihn sich ein übermütiger Neunjähriger ausgedacht. In den Gemälden der Neuen Sachlichkeit knallten die gesellschaftlichen Gegensätze aufeinander, bittere Existenzangst trifft auf ausgelassene Dekadenz, die Bilder des Großstadtlebens erinnern an Gotham City aus den Batman-Filmen. In der Neuen Sachlichkeit wurde alles mit der gleichen Kühle festgehalten, schnörkellos und direkt – egal, ob Stillleben, Landschaftsbild, Stadtansicht oder eben im Porträt, wie bei Alexander Kanoldt. Insgesamt war diese Kunstströmung recht ernst und emotionslos – was für ein Zufall, dass das in Deutschland entwickelt wurde.

Übrigens lässt sich in der Neuen Sachlichkeit kein vergleichbares Motiv finden wie auf dem „Bildnis Heinrich Freiherr von Welck“. Die verdeckten Augen machen das Werk zu einer echten Ausnahme und zeigen Kanoldts Experimentierfreudigekeit, das ist aber nicht die einzige Besonderheit an diesem Bild.

Was macht das Werk so besonders?

Kurz gesagt: seine Provenienz, also Herkunftsgeschichte. Die ist nämlich echt abenteuerlich! Alexander Kanoldt schenkte das Werk Heinrich Freiherr von Welck, der es als Teil seiner Sammlung in einem Vorort von Dresden aufbewahrte. Ergibt Sinn, denn Heinrich Freiherr von Welck ist ja auch auf dem Bild zu sehen. 1946 wurde das Porträt dann von den Sowjets unrechtmäßig konfisziert. Es wurde Staatseigentum der DDR und kam in die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Da blieb es aber nicht, sondern wurde 1969 in den verkauft! Und zwar in den Westen!! What? Ja ihr hab richtig gehört. Das Bild wurde in den Westen verkauft, weil die DDR Devisen beschaffen wollte. So kam das Porträt ins Museum Wiesbaden. Allerdings war es hier nicht rechtmäßig, weil es der Familie von Welck ja von den Sowjets einfach abgenommen wurde. Es gab lange Verhandlungen und schlussendlich ging das Bild dann 1985 zurück an die Familie, also dort, wo es sich ursprünglich befunden hatte. 2020 kam das Werk dann an die Kunsthalle Karlsruhe. Dr. Stephan Freiherr von Welck schenkte es dem Museum, er ist der Sohn des Abgebildeten. Man muss echt sagen, krasses Geschenk! Und hui… eine echt bewegte Geschichte. Das Bild hat fast so oft den Besitzer gewechselt wie der Fußball-WM-Pokal. Wahnsinn. Aber am Ende ist es im Zentrum der exquisiten Kunst gelandet: Karlsruhe.

Kunst-Hotspot Karlsruhe

Die Kunsthalle Karlsruhe hat nicht nur das ungewöhnliche Porträt dieser Folge in der Sammlung, sondern auch ein ganz tolles Landschaftsbild von Kanoldt. Es zeigt einen imposanten Blick auf die Alpen. Dort unternahm Alexander Kanoldt viele Reisen mit seinem Freund Heinrich von Welck. Die frische Bergluft war natürlich super für den „asthmatischen Baron“ – ihr erinnert euch an den geöffneten Mund wegen Heuschnupfen. 1934 heiratete Freiherr von Welck und Kanoldt schenkte ihm das Alpenbild zur Hochzeit.

Karlsruhe spielte auch im Leben von Alexander Kanoldt eine Rolle, denn er wurde hier geboren. 1881 war das, 1939 starb er dann in Berlin. Kanoldt lernte das Zeichnen von seinem Vater, der Maler war und natürlich auch in der Kunsthalle Karlsruhe in der Sammlung vertreten ist. Und in Karlsruhe wurde Alexander Kanoldt auch künstlerisch ausgebildet. Er ging dann nach München und probierte künstlerisch viel herum, bis er schließlich beim Stil der Neuen Sachlichkeit landete. Hier malte Kanoldt vor allem Stillleben, aber eben auch Porträts, wie das dieser Folge.

Zum Abschluss hier noch ein Funfact: Ich hatte ja schon gesagt, Heinrich Freiherr von Welck wirkt auf dem Porträt distanziert und in sich gekehrt. Das ist deshalb kurios, weil sein Sohn ihn als kontakt-freudig und mitteilsam beschrieb. Das findet sich so im Bild so gar nicht wieder. Aber gut, das ist eben künstlerische Freiheit und vielleicht wollte der Dargestellte auch einfach mal Geheimagent spielen. Sei ihm gegönnt! Wir sind auf jeden Fall nun am Ende dieser Kunstsnack-Episode angelangt. Danke euch für’s Zuhören und bis bald zur nächsten Folge. Ciao.

Das war der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Mit Jakob Schwerdtfeger. Eine Produktion der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Abonniert unseren Podcast und folgt uns bei Instagram. Habt Ihr Themenwünsche, schreibt uns via Directmessage oder per Mail an digital@kunsthalle-karlsruhe.de.

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