Strippenzieher der Kunst: Sphärisches Thema (2. Variation) von Naum Gabo | #91
Shownotes
Der Künstler dieser Folge hat die Bildhauerei neu gedacht und schuf mit seinem Werk "Sphärisches Thema (2. Variation)" keine Skulptur aus Marmor oder Bronze, sondern ein filigranes Werk aus Kunststoff. Was sein Nachname "Gabo" dabei mit einem Streit unter Brüdern zu tun hat und wieso der konstruktivistische Künstler die Schule frühzeitig verlassen musste, erzählt Kunstcomedian Jakob Schwerdtfeger im "Kunstsnack".
Das Werk in der Onlinesammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/kunstwerke/Naum-Gabo/Sph%C3%A4risches-Thema--Variation/7443EFD54FD9C21C759123A85E159848/
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Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
Text: Jakob Schwerdtfeger
Redaktion: Lara Di Carlo, Tabea Schwarze, Leonie Stieber
Idee: Daniela Sistermanns, Sarah Ball, Tabea Schwarze
Beratung: Thomas Frank
Ton und Schnitt: Lara Di Carlo
Sounddesign und Musik: Milan Fey, Auf die Ohren GmbH
Sprecher Intro und Outro: Martin Petermann, Auf die Ohren GmbH
Sprecherin der Rubriken: Lena Günther, Auf die Ohren GmbH
Foto: Bruno Kelzer | kelzer.de
Gestaltung: Pia Schmeckthal, Auf die Ohren GmbH
Transkript anzeigen
00:00:00: Woran denkt ihr bei künstlerischer Bildhauerrei?
00:00:04: Vermutlich an Skulpturen aus massiver Bronze oder an beeindruckende Werke aus Marmor.
00:00:10: Vielleicht denkt ihr aber auch an Büsten von irgendwelchen wichtigen Leuten, die ernst durch die Gegend gucken als würden sie spielen.
00:00:17: wer zuerst lacht hat verloren.
00:00:19: Tja für diese Folge Kunstneck müsst ihr eure Vorstellung von Bildhauerei über Bord werfen Denn der Künstler um den es heute geht hat plastische Kunst ganz anders gedacht.
00:00:30: Die Rede ist von Naum Gabo.
00:00:32: Er selbst hat mal gesagt, ich zitiere bis jetzt haben die Bildhauer der Masse den Vorzug gegeben und dem Raum wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt.
00:00:44: Das hat Naum Gabo definitiv anders gemacht.
00:00:49: Sein Werk aus der staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ist alles andere als massig sondern echt filigran!
00:00:56: Die Arbeit trägt in etwas sperrigen Titel Sphärisches Thema in Klammern, zweite Variation.
00:01:03: Für mich klingt das als könnte auch der Name von irgendeinem Hippie-Song sein.
00:01:08: Sphäisches Thema, Zweite Variation!
00:01:11: Naja, Gabuswerk stammt von neunzehundertsebendunddreißig, achtunddreißig und ist damit etwa neunzig Jahre alt.
00:01:19: Trotzdem wirkt dieses Werk immer noch frisch und modern.
00:01:23: Warum das so ist?
00:01:25: Das schauen wir uns jetzt an.
00:01:27: Let's go Bitte tut mir eingefallen, schaut euch das Werk der heutigen Folge selbst an.
00:01:49: In den Show-Notes ist ein Link zur Abbildung!
00:01:51: Wir haben es nämlich mit einem abstrakten Objekt zu tun, dass sehr schwer zu beschreiben ist.
00:01:58: Ich probiere es natürlich trotzdem – aber glaubt mir, Selbstankutten
00:02:02: hilft!".
00:02:11: Bevor ich euch das Werk beschreibe, möchte ich ganz kurz noch eine Begrifflichkeit klären.
00:02:16: Den Unterschied zwischen Skulptur und Plastik Bei einer Skulpture wird Material abgetragen Man schlägt also Holz oder Marmor an.
00:02:26: Bei einer Plastika wird Material aufgebaut bzw verformt zum Beispiel Tonschichten.
00:02:33: Die Arbeit dieser Folge besteht aus Kunststoff der zusammengefügt wurde, also ist es eine Plastik.
00:02:40: Man kann aber auch Objekt sagen.
00:02:43: Gabo sprach vor allem von Raumgebilden.
00:02:47: Kommen wir jetzt zu Beschreiben.
00:02:49: Insgesamt hat das Werk sphärisches Thema.
00:02:52: zweite Variation von der Silhouette her etwas tropfenförmiges.
00:02:57: Im Zentrum ist dunkler Kunststoff.
00:03:00: Von diesem Zentrum gehen sehr viele durchsichtige Stäbe aus, ein bisschen wie ein strahlenförmiges Spinnnetz.
00:03:08: Und diese dünnen Stäben enten alle in einem umlaufenden geschwungenen Außenband.
00:03:14: Das Außenband ist ebenfalls aus durchsichtigem Plexiglas.
00:03:18: Die Plastik wirkt durch die vielen Streben sehr dynamisch und leicht.
00:03:23: Sie besteht ja auch aus wenig Material.
00:03:25: Damit ihr euch das besser vorstellen könnt, mich erinnert das Kunstwerk insgesamt an eine dreidimensionale Fahrradspeiche.
00:03:32: Die in sich verdreht ist bzw auf die jemand eingetreten hat.
00:03:38: und ein Material dass bei diesem Objekt zum Einsatz kommt sollten wir uns jetzt noch mal genauer anschauen denn das ist ziemlich erstaunlich!
00:03:48: Wer hätte das gedacht?
00:03:50: Faszinierender Fun Fact.
00:03:54: Ich hatte ja gesagt, dass das Objekt dieser Folge im Zentrum aus einem schwarzen Material besteht.
00:04:01: Das ist Baskilit!
00:04:03: Das ist alles andere als ein klassisches Kunstmaterial.
00:04:06: Basklit stammt aus der Industrie – es war der erste industriell hergestellte Kunststoff.
00:04:13: Seine Eigenschaften steinhart und hitzebeständig.
00:04:18: Daraus wurden früher Griffe für Töpfe oder Pfannen gemacht.
00:04:21: Baskelid wurde aber auch für die Herstellung von Telefon- und Lichtschaltern benutzt.
00:04:27: Und Gabo machte dann aus diesem Kunststoff Stoff, für Kunst!
00:04:33: Gabo benutzte nicht nur unübliche Materialien für seine Werke – er war auch einer der ersten, der ein kinetisches Kunstwerk schuf.
00:04:42: Es handelte sich dabei um Kunst, die durch Bewegung entsteht.
00:04:50: kinetische Konstruktion.
00:04:53: Die bestand aus einer aufrecht stehenden Metallstange und einem Motor, der die Stange zum Vibrieren brachte.
00:05:00: Durch die schnelle Bewegung entstand eine warbande Form.
00:05:03: Ihr kennt das wenn ihr ne Gärte super schnell durch die Luft kreisen lasst!
00:05:08: Dann sieht es ja auch aus wie ne plastische Form.
00:05:11: Gabo nannte seine Arbeit deshalb auch Stehende Welle weil die vibrierende Form ihn daran erinnerte.
00:05:18: Ihr seht also, Gabo war ein experimentierfreudiger Typ und damit passte er sehr gut zu einer wichtigen Kunstströmung.
00:05:27: Der Epochencheck Naum-Gabo wird zur der Kunstrichtung Konstruktivismus gezählt.
00:05:34: Der Begriff Konstruktiwismus leitet sich vom lateinischen Constructio ab was Zusammenfügungen bedeutet und die Kunst von Gabo recht treffend beschreibt.
00:05:48: vor allem in Russland und dauerte bis in die nineteenhundertdreißiger Jahre an.
00:05:53: Die konstruktivistische Kunst verabschiedete sich gänzlich davon, irgendetwas Gegenständliches darzustellen oder anzudeuten.
00:06:01: Es ging um pure Abstraktion wie einfach für sich stehen sollte.
00:06:07: Oft haben wir es mit geometrischen Formen zu tun.
00:06:11: Die Herangehensweise an die Kunst war weniger emotional und intuitiv – man ging eher rational und nüchtern an die Werke heran.
00:06:20: Es ist ein bisschen, als wäre der verkopfte erste Detektiv Justus Jonas von den drei Fragezeichen unter die Künstler gegangen.
00:06:28: Der Konstruktivismus wurde auch von der Geschichte geprägt.
00:06:31: In den letzten Jahren führten die russischen Revolutionen zum Zusammenbruch des Zarenreichs und Lenin übernahm die Macht.
00:06:39: Malerei, Architektur- und Bildhauerrei sollten zusammenwirken – mit funktionalen Formen eine neue sozialistische Gesellschaft aufbauen.
00:06:49: Man dachte utopisch und groß, der Künstler Vladimir Tatlin zum Beispiel dachte so groß dass er einen vierhundert Meter hohen Turm planten aber mehr als ein zwanzigmeter hohes Modell wurde nicht daraus.
00:07:04: auch Gabo wollte die Kunst in den Alltag bringen und allen Menschen zugänglich machen.
00:07:10: deshalb entwarf er viele Werke für den öffentlichen städtischen Raum.
00:07:15: Der Konstruktivismus war davon getrieben, mit der traditionellen Kunst zu brechen.
00:07:19: Das ging so weit, dass der Künstler Kasimir Malevich einfach nur ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund malte – maximale Abstraktion also!
00:07:31: Kurz darauf setzte er noch einen drauf und malte ein weißes Quadrat aus weißen Grund… Ein echter Augenschmaus.
00:07:39: Gabo wiederum probierte viel herum.
00:07:41: Deshalb heißt das Werk dieser Folge ja auch sphärisches Thema zweite Variation.
00:07:48: Es ist also die zweite Version, insgesamt gibt es mehrere Fassung in verschiedenen Materialien und Größen.
00:07:55: Bei seinen Experimenten hatte Gabo schon vorher festgestellt Plexiglas lässt sich gut biegen und erzeugt eine leichte Wirkung.
00:08:04: Das eignete sich super für seine Bestrebungen das Thema Plastik neu zu denken.
00:08:10: Und die abstrakte Kunst des Konstruktivismus passte super für Gabo, denn er wollte neue Formen kreieren.
00:08:17: Unabhängig davon, dass sie irgendwas Gegenständliches darstellen sollten!
00:08:21: Ihm ging es nicht ums Nachbilden sondern ums Erfinden.
00:08:26: Kleiner Merksatz zu dieser Kunstströmung also... Eigentlich hieß Naum Gabo mit Nachnamen Pefsner sowie sein Bruder Antoine, der auch Künstler war.
00:08:47: Anfangs hatten die beiden ein gutes Verhältnis und tauschten sich künstlerisch viel aus – aber dann wurden sie immer mehr zu rivalen!
00:08:56: Deshalb gab es sich Naum, den Namen Gabo, damit man ihn nicht mit seinem Bruder verwechselte.
00:09:04: Vorher hatten beide den Nachnamen Pefsna als richtiger Brüderbief in der Kunst.
00:09:12: Generell hatte Esgabos Biografie echt in sich.
00:09:16: Also werfen wir mal einen Blick auf seinen Werdegang!
00:09:22: Mehr hat's gemacht, Künstler im Spotlight.
00:09:26: Nauengabo wurde in Bryansk im russischen Zarenreich geboren.
00:09:32: Mit Autoritäten hatte es Gabo nicht so.
00:09:36: Zum Beispiel musste er die Schule vorzeitig verlassen weil er ein Spottgedicht über den Rektor geschrieben Und mit siebzehn wurde er verhaftet, weil er sozialistische Schriften verbreitet hatte.
00:09:47: Gabo studierte dann zuerst Medizin in München, wechselte aber bald und studierte Ingenieurwesen.
00:09:53: Hier wurde er mit mathematischen Modellen vertraut, was seine künstlerische abstrakte Arbeit stark beeinflussen sollte.
00:10:01: Nebenbei besuchte Gabo kunsthistorische Vorlesung.
00:10:04: Er reiste nach Italien und beschloss ganz Bescheiden die Kunst muss revolutioniert werden!
00:10:11: Ab dann widmete er sich der Aufgabe, frischen Wind in die Bildhauer reinzubringen.
00:10:17: Und das zog er bis zu seinem Tod durch!
00:10:20: Nach vielen unterschiedlichen Lebensstationen verstarb Gabo da in den USA in Waterbury.
00:10:29: Gabos Objekte sind bis heute super faszinierend weil die Form oft so dynamisch und die Werke so feingliedrig daherkommen.
00:10:38: In seiner Kunst verwendete Gabo deshalb später Nylonfäden oder bei dem Werk dieser Folge eben dünne Kunststoffstreben.
00:10:46: Man kann also durchaus sagen, Gabo war ein Strippenzieher der Kunst und das ist mein Schlusswort!
00:10:54: Ich hoffe die Folge hat euch gefallen.
00:10:56: bis bald wieder bei Kunstsnack.
00:10:58: machts gut, ciao
00:11:09: Eine Produktion der staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.
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