Alien-Alarm in der Kunsthalle Karlsruhe: Männerbildnis von Erich Heckel | #85
Shownotes
Für das Werk dieser Folge wählte der Künstler Erich Heckel eine Farbe, die man eher mit Gift oder Außerirdischen verbindet als mit einem Selbstporträt: grelles Grün. Sein „Männerbildnis“ von 1919 zeigt den vom Leben gezeichneten Künstler. Warum dieses expressionistische Blatt sogar David Bowie und Iggy Pop inspirierte und wie ein Holzschnitt funktioniert, erzählt Kunstcomedian Jakob Schwerdtfeger in dieser Folge von Kunstsnack.
Das Werk in der Onlinesammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/kunstwerke/Erich-Heckel/M%C3%A4nnerbildnis/D3AFFBDE28F04BFCB454C0BB9085E5DD/
Bleibt mit uns im Austausch, diskutiert mit der Community, sagt uns, was Ihr als Nächstes hören, oder was Ihr schon immer mal aus der Welt der Kunst wissen wollt.
Instagram: https://www.instagram.com/kunsthalle_ka/
Per Mail an digital@kunsthalle-karlsruhe.de
Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
Text: Jakob Schwerdtfeger
Redaktion: Lara Di Carlo, Tabea Schwarze, Leonie Stieber
Idee: Daniela Sistermanns, Sarah Ball, Tabea Schwarze
Beratung: Thomas Frank
Ton und Schnitt: Lara Di Carlo
Sounddesign und Musik: Milan Fey, Auf die Ohren GmbH
Sprecher Intro und Outro: Martin Petermann, Auf die Ohren GmbH
Sprecherin der Rubriken: Lena Günther, Auf die Ohren GmbH
Foto: Bruno Kelzer | kelzer.de
Gestaltung: Pia Schmeckthal, Auf die Ohren GmbH
Transkript anzeigen
Kunstsnack. Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
Alien-Alarm in der Kunsthalle Karlsruhe: Männerbildnis von Erich Heckel, 1919
Was haben das Museum of Modern Art in New York und die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe gemeinsam? Beides sind Museen von Weltrang mit krassen Sammlungen, klar. Und beide besitzen ein Blatt des Künstlers Erich Heckel mit dem Titel Männerbildnis. Hierbei handelt es sich um eine Druckgrafik aus dem Jahr 1919. Dieses Blatt schauen wir uns heute mal näher an und den Künstler natürlich auch. Denn Heckel hat es mit seiner Kunst bis in den Olymp der Pop-Kultur geschafft. Ein Bild von ihm inspirierte niemand geringeres als David Bowie und Iggy Pop. Beide machten jeweils ein Album-Cover auf dem sie sich ganz ähnlich inszenieren wie eine Figur auf Heckels Bild. So ausdrucksstark ist seine Kunst! Und ein Paradebeispiel dieses Schaffens ist das Thema dieser Folge. Also, viel Spaß mit dem Männerbildnis von Erich Heckel! Und am Schluss berichte ich euch außerdem von einem unglaublichen Kunstdiebstahl. Also, los geht’s!
Der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe mit dem Comedian und Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger.
Das Werk dieser Folge ist wirklich eindrücklich. Ich empfehle euch daher stark: Schaut euch das Werk selbst an, in den Shownotes ist ein Link zur Abbildung.
Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung
Das Männerbildnis von Heckel sieht aus, als hätte man den Dargestellten in Absinth oder Mountain Dew getränkt, denn seine Haut ist giftig grün. Ist das hier ein Alien? Nein, Expressionismus. Auf die Kunstströmung gehe ich später näher ein, aber es ist typisch für den Expressionismus solche ungewöhnlichen Farben zu wählen. Wir sehen also einen Mann mit grüner Hautfarbe. Sein Gesicht hat tatsächlich ein bisschen was Alienhaftes, denn seine Stirn ist sehr groß und das Gesicht läuft unten recht spitz zu. Der Mann schaut nachdenklich und in sich gekehrt, seine Hände hat er vor dem Kinn verschränkt. Wir sehen ihn bis zu den Schultern. Hinter ihm ist ein gelber Kreis angedeutet und eine blaue Fläche.
Was direkt ins Auge sticht, sind die markanten schwarzen Linien, die dieses Blatt bestimmen. In das hagere Gesicht des Mannes graben sich tiefe Falten, die mit ausdrucksstarken Linien wiedergegeben sind. Das Werk trägt zwar den neutralen Titel Männerbildnis, aber es handelt sich hier um sein Selbstporträt von Heckel. Das Ganze ist eine Arbeit auf Papier, allerdings keine Zeichnung, sondern eine spannende Drucktechnik.
Wie ist es gemacht? Technische Details
Wir haben es hier mit einem Farbholzschnitt zu tun. Der Holzschnitt funktioniert so: Als Erstes wird das Motiv auf eine Holzplatte gezeichnet, dann schnitzt man die Teile weg, die man nicht drucken möchte. Nun kommt Farbe auf die Holzplatte und die stehen gebliebenen Stege. Deshalb spricht man hier von einem sogenannten Hochdurckverfahren. Dann wird das Motiv mithilfe einer Druckerpresse auf Papier übertragen, wobei nur die hochstehenden Teile gedruckt werden. Bei einem Farbholzschnitt wird normalerweise für jede Farbe eine eigene Platte geschnitten. Beim Männerbildnis aus der Kunsthalle Karlsruhe sind es vier Farben, aaaaber nur zwei Druckstöcke. Der erste diente für die schwarzen Linien, der zweite wurde in verschiedene Teile zersägt und druckte die drei anderen Farbtöne an verschiedene Stellen. Aber was hat es mit dem Werk Männerbildnis auf sich und in welchem zeitlichen Kontext ist es entstanden? Das klären wir jetzt.
Von wann ist das Werk? Historischer Hintergrund
Das Männerbildnis stammt aus dem Jahr 1919, es entstand also kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Heckel hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet – wie übrigens einige Künstler. Erst war er Krankenpfleger in einem Lazarett in Berlin und dann Sanitäter in Belgien. Dabei machte er viele schlimme Erfahrungen, die möglicherweise in dem Holzschnitt ihren Niederschlag finden. Heckels Blick scheint uns Betrachtenden auszuweichen, seine Gesichtszüge spiegeln Resignation wieder, vielleicht sogar Verzweiflung. Die übereinandergeschlagenen Hände werden auch als Gebetsgeste interpretiert. Die grüne Gesichtsfarbe strahlt etwas Giftiges aus und wird sogar teilweise als Hinweis auf eine Depression gelesen. In jedem Fall sehen wir hier einen vom Leben gezeichneten Künstler, ein Gesicht voller Furchen und Sorgen. Das Männerbildnis ist ein ausdrucksstarkes Werk, das einen direkt fesselt. Damit passt es wunderbar zum Expressionismus – und diese Kunstströmung stelle ich euch jetzt mal etwas näher vor.
Der Epochen-Check
1905 wird oft als Geburtsjahr des Expressionismus in Deutschland angenommen, weil in diesem Jahr in Dresden die Künstlergruppe Brücke gegründet wurde. Vermutlich bezog sich der Name auf das Bedürfnis, zu neuen Ufern aufzubrechen. Um die Gründungsmitglieder kurz beim Namen zu nennen: Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl, Ernst Ludwig Kirchner und last but not least Erich Heckel. Alle vier waren übrigens keine Kunst-, sondern Architekturstudenten. Die kamen also eigentlich von Gebäuden statt Gemälden. Aber das autodidaktische Malen war recht typisch für die Brücke. Die Künstlergruppe bestand bis 1913 und trennte sich wie jede gute Boy-Band im Streit. Aber für den Expressionismus brachte die Brücke viele wichtige Impulse und Heckel war ganz vorne mit dabei.
Im Expressionismus steckt ja schon das Wort Expression drin, also Ausdruck. Und genau darum ging’s! Man wollte möglichst ausdrucksstarke Werke schaffen – in der Zeichnung und Druckgrafik wurden dafür besonders und eine heftige, eckige Linienführung benutzt. Auch die Farben wurden innovativ eingesetzt, nämlich ziemlich unrealistisch. Im Expressionismus können Pferde plötzlich blau sein und Hunde gelb. Ja, Tiere waren auf einmal sehr bunt, in gewisser Weise ein Vorläufer der lila Milka-Kuh. Die Farbe musste jetzt nicht mehr „korrekt“ sein, die Kunstschaffenden konnten
sie frei nach Lust und Laune einsetzen. Heckel machte genau das und färbte sein Gesicht grün. Und dieses grüne Gesicht wirkt sofort kränklich. So ein Haut-Teint wie Kermit, der Frosch, das hat natürlich direkt eine ganz andere Wirkung als normale Hautfarbe. Und exakt damit arbeitete der Expressionismus. Hier wurde mit den Sehgewohnheiten gebrochen und eine neue künstlerische Freiheit erkämpft.
Expressionistische Kunst ging außerdem ziemlich eigenwillig mit Proportionen um. Der Kopf auf dem Männerbildnis läuft unnatürlich spitz zu, die Nase wirkt eingedrückt. Ich hatte ja schon gesagt, dass er dadurch ein bisschen wirkt wie ein Alien-Kopf. Ja, Proportionen und Räumlichkeit behandelte Heckel recht frei. Manche Figuren auf seinen Gemälden sind dermaßen in die Länge gezogen, dass sie aussehen, als kämen sie gerade von der Streckbank oder als hätte man sie auf dem Basketballplatz gescoutet.
Der Expressionismus hat durch all diese Regelbrüche sehr ausdrucksstarke Kunst geschaffen, die auch heute, über 100 Jahre später nichts von ihrer krassen Wirkung verloren haben. Jetzt habe ich aber sehr viel nebenbei über Heckel gesprochen, ich glaube es wird Zeit, euch diesen Künstler noch mal näher vorzustellen.
Wer hat‘s gemacht? Künstler im Spotlight
Erich Heckel wird 1883 in Döbeln, bei Chemnitz geboren. Schon in der Schulzeit erhält er zusätzlichen Zeichenunterricht und kriegt später für eine Zeichnung sogar eine Auszeichnung. 1904 fängt er an Architektur zu studieren, ein Jahr später ist er bei der Gründung der Brücke dabei. Heckel ist innerhalb der Brücke ein wichtiger Networker und wirbt immer mehr Künstlerkollegen an. 1912 zieht er nach Berlin um, die Brücke hatte ihren Hauptsitz von Dresden hierher verlegt. Ich hatte euch schon erzählt: 1913 löst sich die Brücke auf, und ab 1915 wird Heckel während des Ersten Weltkriegs Sanitäter in Belgien. Auch während des Krieges bleibt er künstlerisch tätig.
Nach Kriegsende geht Heckel zurück nach Berlin, 1919 hat er in Hannover seine erste große Einzelausstellung. Sowas ist für Kunstschaffende natürlich immer sehr wichtig. Es folgen viele Reisen. Als die Nazis an die Macht kommen, sind sie sich erst mal nicht einig, wie sie den Expressionismus bewerten sollen. Einige sehen darin einen möglichen „Staatsstil“ und eine „völkische Kunst“. Andere lehnen diese moderne Strömung vehement ab. Heckel hofft auf Anerkennung des Expressionismus. Daher unterzeichnet er 1934 den sogenannten „Aufruf der Kulturschaffenden“. Dabei handelt es sich um eine Loyalitätsbekundung gegenüber Hitler. 1935 fällt dann aber endgültig die Entscheidung, Hitler beendet die Debatte und rechnet mit dem Expressionismus ab. Die Kunstströmung wird schließlich als „entartet“ eingestuft. 729 Werke von Heckel werden aus deutschen Museen entfernt. Außerdem erhält Heckel ein Ausstellungsverbot und einige seiner Werke werden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt, in der die Moderne niedergemacht und verfemt wurde. Allerdings darf Heckel weiterhin arbeiten, ein Arbeitsverbot bekommt er nicht.
1944 wird sein Berliner Atelier zerbombt, Vieles wird zerstört, aber Etliches hatte er auch ausgelagert. Anschließend zieht Heckel an den Bodensee nach Hemmenhofen. 1945 brennt ein weiteres Bildlager von Heckel – vermutlich Brandstiftung. Das ist vor allem bitter, weil es ein bombensicheres Depot in einem Stollen war. Aber gegen Brandstiftung war es nicht gefeit. Heckel malt einige der zerstörten Bilder neu. Außerdem war er dann auch in karlsruhe tätig, wo ja die phänomenale Kunsthalle ist. 1994 übernimmt Heckel eine Professur an der neueröffneten Karlsruher Akademie der Bildenden Künste, wo er bis 1955 tätig ist. Ab den frühen 1950ern folgen viele Ausstellungen seiner Werke. Heckels Ruhm wird immer größer. 1970 stirbt er schließlich am Bodensee.
Kurioses aus der Kunstwelt
Ein so berühmter Künstler wie Heckel weckt Begehrlichkeiten, weil er eben auch sehr teuer ist. Von dem Druck des Männerbildnisses von Heckel gibt es mehrere Exemplare. Ein Blatt wurde 2019 zum Beispiel für 105.400 € verkauft. Und wegen solch stattlicher Werte kam es 2002 zu einem spektakulären Kunstdiebstahl, allerdings nicht in Karlsruhe, sondern im Berliner Brücke Museum. Gestohlen wurden neun expressionistische Gemälde, sechs davon von Heckel. Ein Millionen-Coup!
Die Täter wurden schließlich gefasst, weil einen Monat später in Berlin bei einem Optiker eingebrochen wurde und die Tat erstaunliche Parallelen zum Brücke Museum aufwies. Der Dieb wurde geschnappt und bei ihm fand man die Bilder, zusammengerollt in einer Tasche.
Zum Glück passt die Kunsthalle Karlsruhe auf ihren Heckel gut auf. Hier befinden sich übrigens noch viele andere Arbeiten dieses Künstlers, denn 1967 vermachte Heckel der Kunsthalle Karlsruhe rund 80 Zeichnungen und 400 Holzschnitte, Radierungen und Lithographien. Naja, und ein absolutes Highlight von Heckel habt ihr in dieser Folge kennengelernt. Ich hoffe, ihr hattet Spaß. Ich auf jeden Fall. Und dann hören wir uns bald wieder bei Kunstsnack. Bis dahin, macht’s gut. Ciao.
Das war der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Mit Jakob Schwerdtfeger. Eine Produktion der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Abonniert unseren Podcast und folgt uns bei Instagram. Habt Ihr Themenwünsche, schreibt uns via Directmessage oder per Mail an digital@kunsthalle-karlsruhe.de.
Neuer Kommentar