Maultaschen-Mauer und Meisterwerke: Arbeiterfrau mit Kind von Käthe Kollwitz | #84
Shownotes
Für dieses Werk suchte sich die international bedeutende Künstlerin Käthe Kollwitz einen ungewöhnlichen Inspirationsort: ein Leichenschauhaus. Mit nur wenigen Strichen schuf sie ein emotionales Werk, das auch Einblick in ihr persönliches Leben gibt. Welche Erfahrungen die Künstlerin machen musste und was sie mit einer Maultaschenmauer zu tun hat, erzählt Kunstcomedian Jakob Schwerdtfeger in dieser Folge von „Kunstsnack”.
Das Werk in der Onlinesammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/kunstwerke/K%C3%A4the-Kollwitz/Arbeiterfrau-mit-Kind/B0ADFC6444900D4D2EE7DDB00F5C07CD/
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Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
Text: Jakob Schwerdtfeger
Redaktion: Lara Di Carlo, Tabea Schwarze, Leonie Stieber
Idee: Daniela Sistermanns, Sarah Ball, Tabea Schwarze
Beratung: Thomas Frank
Ton und Schnitt: Lara Di Carlo & Markus Nick
Sounddesign und Musik: Milan Fey, Auf die Ohren GmbH
Sprecher Intro und Outro: Martin Petermann, Auf die Ohren GmbH
Sprecherin der Rubriken: Lena Günther, Auf die Ohren GmbH
Foto: Bruno Kelzer | kelzer.de
Gestaltung: Pia Schmeckthal, Auf die Ohren GmbH
Transkript anzeigen
Kunstsnack. Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
Maultaschen-Mauer und Meistwerwerke: Arbeiter Frau mit Kind
Mitten in Berlin gibt es einen super beeindruckenden und sehr sehr bewegenden Ort. Unter den Linden, in der Nähe vom Brandenburger Tor, befindet sich die so genannte Neue Wache. Das ist eine Erinnerungsstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Von außen sieht es aus wie ein Tempel, inklusive Säulen und Giebelfiguren und von innen ist es eine große, hohe, leere Halle. Nur in der Mitte steht eine einzelne Bronzeskulptur, eindrücklicher kann man Kunst kaum inszenieren. Die Skulptur trägt den Titel „Mutter mit totem Sohn“. Wie eine schützende Hülle legt sich die Mutter um den leblosen Körper. All der Schmerz, all die Verzweiflung, all die Trauer steckt in diesem Werk. Es ist so eine reduzierte Darstellung, die genau deshalb so stark ist. Geschaffen hat die Skulptur die Künstlerin Käthe Kollwitz. Sie ist eine der bedeutendsten deutschen Bildhauerinnen überhaupt. Aber, was nicht so viele wissen: Sie hat auch krass gezeichnet. Und genau so eine Zeichnung schauen wir uns heute an. Denn in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe befindet sich die Kohlezeichnung „Arbeiterfrau mit Kind“. Die Datierung ist unbekannt, aber kurz zur Orientierung: Käthe Kollwitz lebte von 1867 bis 1945. In dieser Folge erfahrt ihr viel über diese grandiose Künstlerin und ich lüfte das Geheimnis, was ihr Schaffen mit einer Maultaschen-Mauer zu tun hat. Viel Spaß!
Intro
Wenn ihr das Werk dieser Folge sehen wollt, dann guckt mal in die Shownotes. Dort ist ein Link zur Abbildung.
Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung
Wenn man sich die Kohlezeichnung „Arbeiterfrau mit Kind“ anschaut, muss man sagen: Wahnsinn, mit wie wenigen Strichen Kollwitz hier so viel Emotion erzeugt. Große Teile des Blattes bleiben sogar leer, es ist eine sehr platzsparende Darstellung. Wir sehen eine Frau vom Oberkörper aufwärts mit einem kleinen Kind im Arm, und das klammert sich an die Mutter. Was an dieser Zeichnung so ins Mark geht, sind die Gesichter: Mit aufgerissenen Augen starren Mutter und Kind vor sich. Die Gesichter sind irgendwo zwischen sorgenvoll und tief traurig. Wie paralysiert schauen die beiden. Es ist der Blick, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert ist. Ich finde diese Zeichnung richtig ergreifend und das mit schafft Kollwitz mit so simplen Mitteln – eine bisschen Kohle auf Papier und trotzdem nimmt einen dieses Werk direkt gefangen. Es ist Kunst, an der man nicht einfach vorbeilaufen kann im Museum und das zeichnet große Werke aus. Aber was für eine Situation stellt Kollwitz hier eigentlich dar?
Wie wurde das Werk beeinflusst? Interessante Inspirationen
Kollwitz suchte Anregungen an einem äußerst ungewöhnlichen Ort: nämlich in einem Leichenschauhaus. Andere lassen sich von paradiesischen Stränden, Sonnenuntergängen oder rauschenden Nächten inspirieren, bei Kollwitz war‘s ein Leichenschauhaus. Statt der Welt der Schönen und Reichen, ein Ort der Toten und Leichen. Okay, in diesem Berliner Leichenschauhaus beobachtete Kollwitz Menschen, die nach Angehörigen suchten oder diese identifizieren. Angst, Entsetzen, Tauer, hier waren pure Emotionen, die Kollwitz künstlerisch verarbeitete. Es war die Zeit der Novemberrevolution 1918/19 am Ende des Ersten Weltkriegs. Das Kaiserreich endete und die erste deutsche Demokratie entstand – die Weimarer Republik. 1919 zeichnete Kollwitz auch den ermordeten KPD-Politiker Karl Liebknecht im Leichenschauhaus in Berlin. Die Witwe hatte die Künstlerin darum gebeten. Und aus dem Tagebuch von Kollwitz geht 1919 hervor, dass sie womöglich in diesem Leichenschauhaus auf das Motiv der „Arbeiterfrau mit Kind“ gekommen ist. Demnach würden die beiden – also Mutter und Kind – auf einen oder mehrere tote Körper blicken.
Kollwitz war übrigens nicht die einzige Kunstschaffende, die auf der Suche nach starken Emotionen abseitige Anregungen suchte. Wir gehen mal etwas zurück in der Kunstgeschichte: Der deutsch-österreichische Ausnahmekünstler Franz Xaver Messerschmidt begann – eben schon deutliche früher – in den 1770er Jahren seine Arbeit an sogenannten Charakterköpfen. Er erforschte alle möglichen Grimassen und extremen Emotionen. Ey, da sind so heftig verzerrte Gesichter dabei, wie man sie sonst nie bei Steinskulpturen oder Porträtköpfen aus Metall sieht. Messerschmidts Neugier für krasse Gefühle brachte ihm laut einer Anekdote sogar eine Anzeige ein. Ein Händler soll Messerschmidt angezeigt haben, weil der Bildhauer ihn habe ermorden wollen. Angeblich wollte Messerschmidt herausfinden, wie genau Todesangst aussieht. Ein anderes Werk von Messerschmidt zeigt einen zusammengekniffenen Gesichtsausdruck und es trägt den Titel „Ein mit Verstopfung Behafteter“. Wie genau Messerschmidt diese Emotion studiert hat, möchte man gar nicht so genau wissen. Aber an dieser Stelle kurz der Tipp: Googlet mal Franz Xaver Messerschmidt. Ihr werdet es nicht bereuen.
Ok, aber zurück zu Kollwitz. Sie steht gewissermaßen in einer langen Tradition, denn bereits Leonardo da Vinci besuchte aus künstlerischen Gründen das Leichenschauhaus. Nur war es beim wirklich hands on, denn Leonardo sezierte Leichen, um die menschliche Anatomie zu studieren. Kollwitz hingegen war da eher zurückhaltender und agierte als stille Beobachterin. Ok, warum hat Kollwitz das Ganze überhaupt gemacht? Was wollte sie damit aussagen? Darum geht’s jetzt.
Worum geht’s hier eigentlich? Die Message
Käthe Kollwitz spezialisierte sich in ihrer Kunst auf die einfache Bevölkerung. Sie zeigt einen ungeschönten Blick auf den Alltag dieser Menschen: Armut und existenzielle Sorgen sind dabei immer wieder präsent. Sie rückte damit die Problematiken der Zeit in das öffentliche Bewusstsein. Besonders fokussierte sich Kollwitz auf Darstellungen einfacher Frauen. Vielfach zeigt sie Frauen, die Söhne auf dem Schlachtfeld suchen oder ihre gefallenen Männer beweinen. Frauen, die ihre Kinder beschützen oder unter den Folgen des Krieges leiden. Dabei sind die Frauen stets namenlos, das Werk dieser Folge heißt ja auch „Arbeiterfrau mit Kind“ – keine Namen, keine näheren Angaben. Aber dadurch stehen diese Frauen-Darstellungen eben für das Schicksal vieler Frauen. Kollwitz geht es in ihrer Kunst um grundlegende emotionale Erfahrungen wie Liebe, Nähe, Glück, Vertrautheit, Angst, Verzweiflung, Wut, Schmerz und so weiter. Neben dem Alltag der einfachen Menschen widmete sich Kollwitz auch vielfach wichtigen historischen Momenten der Arbeiter*innenbewegung.
Ich hatte euch ja schon gesagt, dass die Datierung des Werkes aus der Kunsthalle Karlsruhe unbekannt ist. Möglicherweise stammt die Zeichnung aus dem Jahr 1919, denn in Kollwitz Tagebuch gibt es eine entsprechende Erwähnung. Gesichert ist das Jahr 1919 allerdings nicht. Sollte es aber so sein, dann würde das Werk in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg fallen. Immer wieder thematisierte Kollwitz das Leid, das damit einherging. Sie selbst war unmittelbar davon betroffen, denn 1914, kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges, fiel ihr eigener Sohn Peter. In der Folge erhebt Kollwitz immer wieder ihre künstlerische Stimme gegen den Krieg. 1924 entstand ein besonders einflussreiches Werk: Ein Plakat für die „Sozialistische Arbeiterjugend“. Es zeigt einen jungen Mann, zwei Finger in die Luft gestreckt, die andere Hand auf der Brust. Die Haare wehen dynamisch nach hinten – bisschen wie im Film Titanic, wenn Jack vorne auf dem Schiff steht – der Mund von Kollwitz Figur ist geöffnet, als würde er rufen. Wie eine Bastion im Wind wirkt die Figur und dazu die Worte um ihn herum: „Nie wieder Krieg.“ Es wird das wohl bekannteste Anti-Kriegsplakat hierzulande. In den 1970er/80er Jahren wurde das Plakat immer wieder von der Friedensbewegung genutzt. So weit und so lange wirkte Kollwitz‘ Kunst. Gut, aber dann lernen wir Kollwitz und ihr Leben doch jetzt mal näher kennen, denn auch ihre Biografie hat es in sich.
Wer hat‘s gemacht? Künstlerin im Spotlight
Nach allem, was ihr bisher über Kollwitz gehört habt, könnte man ja denken: „Ok, die war safe total schwermütig – so eine Person, die auf Partys ausschließlich deepe Gespräche führen will und die maximale Spaßbremse ist. So eine Emo-Band gepaart in einer Person.“ Aber dem war wohl nicht so. Ihr Sohn sagte beispielsweise: „(…) Menschen, die sie nur von ihren Arbeiten her kennen, kennen nur einen Teil von ihr, und nicht den, der Freude hatte an der Bejahung, an den jungen Menschen, am Witz, am Lachen, am Übermut, an der Komik.“
Aber kurz von vorne die hard facts: Käthe Kollwitz wird 1867 in Königsberg in Ostpreußen geboren. Schon mit 14 Jahren wird sie von ihrem Vater gefördert und bekommt Zeichenunterricht. Offiziell durften Frauen erst ab 1919 an öffentlichen Kunstakademien studieren, aber Kollwitz‘ Vater sorgt dafür, dass sie eine ähnlich gute Ausbildung erhält. Das ist übrigens ein spannendes Phänomen, dass seit der Renaissance es Künstlerinnen oft nur schafften, wenn sie von ihren Vätern gefördert, ausgebildet oder irgendwie protegiert wurden – alleine wäre es noch viel schwieriger gewesen. Aber es zeigt auch, dass viele Künstlerinnen von dem Wohlwollen von Männern abhingen. „Sponsored by daddy“ ist also nicht wirklich neu.
Kollwitz besucht Künstlerinnenschulen in Berlin und München. Sie zieht dann zurück nach Berlin und heiratet einen Arzt. Dessen Praxis befindet sich in einem armen Viertel und dadurch wurde Kollwitz die soziale Ungleichheit und die damit einhergehenden Nöte noch mal bewusster. Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsknappheit, Hunger und Tod waren allgegenwärtig und das griff sie in ihrer Kunst auf.
Ihren Durchbruch hat Kollwitz dann 1898: Ihre Werkreihe zum Weberaufstand sorgt für Furore. Der Weberaufstand ereignete sich 1844 in Schlesien. Die Weber forderten bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne, doch der Aufstand wurde gewaltsam niedergeschlagen. Der Aufschrei war groß und der Weberaufstand wurde zu einem wichtigen Ereignis der Bekämpfung sozialer Missstände. Kollwitz‘ sozialkritische Ader kommt hier also bereits deutlich zum Vorschein.
Was die Bildhauerei von Kollwitz betrifft: Da war der Künstler Auguste Rodin ein wichtiger Impulsgeber. Kollwitz lernte Rodin in Paris kennen. Rodin haben wir übrigens die dritte Folge von Kunstsnack gewidmet, denn in der Kunsthalle Karlsruhe befindet sich ein hervorragendes Werk von ihm. Kollwitz Kunst wird immer politischer – ab 1908 fertigt sie Zeichnungen an für die Satire-Zeitschrift Simplicissimus. Man lässt ihr freie Hand und so schafft sie Gesellschaftskritik am Großstadtleben: Hunger, Kindersterblichkeit, Heimarbeit der Frauen oder die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen. All das sind Themen, die sie behandelt.
Schon zu Lebzeiten hat Kollwitz Erfolg, ihre Werke werden bereits früh gesammelt und sie erhält etliche Auszeichnungen. Ihr könnt euch denken, dass ihre Werke den Nazis gar nicht gepasst haben. 1933 wird sie gezwungen aus der Akademie der Künstler auszutreten. Ihre Werke gelten als „entartet“. Ich setze das in imaginäre Anführungszeichen, weil das ein Nazi-Begriff ist – „entartet“. Das NS-Regime ging gegen die Werke von Kollwitz an, schmähte und diffamierte sie, aber Kollwitz verschwand nie wirklich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Ihr Credo war: „Ich will wirken in dieser Zeit.“ Und das hat sie definitiv geschafft. Wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs starb sie dann 22. April 1945 im Alter von 77 Jahren.
Kurioses aus der Kunstwelt
In Berlin gibt es ein Denkmal von dem Künstler Gustav Seitz, das Käthe Kollwitz darstellt und an sie erinnert. Mit 4,4 Sternen hat das Werk eine solide Google Bewertung. 2013 schaffte es das Denkmal international in die Schlagzeilen, sogar die New York Times hat berichtet, denn es gab einen… Spätzle-Anschlag. What?! Und zwar von der Spaßtruppe Free Schwabylon. Das Ganze war Satire, denn die Gruppe wollte in Prenzlauer Berg einen autonomen Bezirk für Schwaben gründen und zwar rund um den Kollwitzplatz und das Denkmal. Außerdem kündigte die Gruppe an um ihren imaginären Bezirk eine Mauer aus Maultaschen zu errichten. Ihr seht also: Kollwitz bleibt bis heute bekannt und relevant. 2017 wurde sogar ein ICE nach ihr benannt – was will man mehr? Richtig nix. Und damit sind wir am Ende angelangt, danke fürs Zuhören, ich hoffe es hat euch Spaß gemacht, ihr konntet ein bisschen was mitnehmen – bis bald zur nächsten Folge von Kunstsnack. Ciao.
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