Wie man den Tod austrickst: Vanitas-Stillleben von Jacob Marrel | #64
Shownotes
Detektiv*innen hätten große Freude beim Entschlüsseln des Gemäldes dieser Folge. Das "Vanitas-Stillleben" von Jacob Marrel steckt voller Geheimnisse, Symbole und Rätsel - ein Escape Room in Bildform. Was einen Zitrone, einen Tabakpfeife, ein Blumenstrauß und Seifenblasen dabei gemeinsam haben erzählt Kunstcomedian Jakob Schwerdtfeger in dieser Folge des Kunstsnack.
Das Werk in der Onlinesammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/kunstwerke/Jacob-Marrel/Vanitas-Stillleben/B2650FDE4DD1902C86582083373531DD/
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Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
Text: Jakob Schwerdtfeger
Redaktion: Lara Di Carlo, Tabea Schwarze
Idee: Daniela Sistermanns, Sarah Ball, Tabea Schwarze
Beratung: Thomas Frank
Ton und Schnitt: Lara Di Carlo
Sounddesign und Musik: Milan Fey, Auf die Ohren GmbH
Sprecher Intro und Outro: Martin Petermann, Auf die Ohren GmbH
Sprecherin der Rubriken: Lena Günther, Auf die Ohren GmbH
Foto: Bruno Kelzer | kelzer.de
Gestaltung: Pia Schmeckthal, Auf die Ohren GmbH
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Kunstsnack. Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe
Wie man den Tod austrickst: Jacob Marrel, Vanitas-Stilleben
Der Künstler dieser Folge hat den coolsten Vornamen: Jacob. Und das sage ich nicht, weil ich selbst Jakob heiße. Natürlich nicht, ich bin da ganz objektiv. Mit ganzem Namen heißt der Künstler Jacob Marrel. In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe befindet sich sein Bild mit dem Titel „Vanitas-Stillleben“ aus dem Jahr 1637. In diesem Bild ist so viel versteckt. So viele Symbole, so viele Rätsel und so viele Geheimnisse – das Gemälde ist quasi ein Escape Room in Bildform. Die Drei Fragezeichen hätten als Detektive große Freude am Entschlüsseln dieses Werks und wir werden den auch haben. Denn in dieser Folge von Kunstsnack gibt es echt viel zu entdecken. Los geht’s.
Der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe mit dem Comedian und Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger.
Ich werde gleich viel auf Details des Bildes von Jacob Marrel eingehen, daher wäre es hilfreich, wenn ihr euch das Bild mal kurz anguckt. In den Shownotes ist ein Link zur Abbildung. Und wenn ihr nicht nachgucken wollt, auch kein Ding. Ich beschreibe euch das Bild jetzt kurz.
Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung
Der Titel „Vanitas-Stillleben“ macht schon klar, worum es hier geht – ein Stillleben. Den Begriff Vanitas und was es damit auf sich hat, erkläre ich euch gleich. Jetzt erst mal fix die Beschreibung. Wir schauen auf eine Mauernische mit einer kleinen Stufe. Darin befindet sich ein großer Blumenstrauß in einer Vase, eine Geige mit Bogen, ein Notenbuch und ein Totenkopf, der auf zwei Büchern liegt. Auf dem Bild sind außerdem noch ein Messer neben einer halb geschälten Zitrone, eine Pfeife mit Tabak, Münzen, eine Medaille, ein Tintenfass mit Feder, ein Ring und ein Notizzettel. Insgesamt eine ziemlich schräge Kombi an Gegenständen – eine Pfeife mit Tabak, ein Totenkopf, ein Blumenstraß, Gold. Wenn man das so hört, klingt das wie eine von diesen Black Stories, bei denen man erraten muss, wie es zu dieser Situation kam.
Das Stillleben ist übrigens gar nicht so still und leblos. Über dem bunten Blumenstrauß kreisen Insekten, an der Vase sitzt eine Echse und eine Maus ist auf Nahrungssuche. Ganz oben an der Mauernische sind zwei Wandskulpturen – zwei kleine Engel. Der eine hat eine Sanduhr in der Hand, der andere macht Seifenblasen. Ja, eine Steinskulptur macht Seifenblasen – das lasse ich einfach mal so stehen. Ok, und jetzt schauen wir uns die Geheimnisse an, die massenhaft in diesem Bild stecken.
Worum geht’s hier eigentlich? Die Message
Also, was hat das „Vanitas“ in „Vanitas-Stillleben“ zu bedeuten? Das ist Latein und bedeutet Eitelkeit und Vergänglichkeit. Es ging darum, dass man sich klarmacht: Dem Tod kann man nicht entkommen. Alles Irdische ist vergänglich. Es gab daher auch den lateinischen Ausspruch: Memento mori! Gedenke des Todes. Die Vanitas-Stillleben sollten einen an diese Tatsache erinnern. Als hätte man konstant einen Reminder im Kalender: „Es könnte jeden Moment vorbei sein“. Aus heutiger Sicht wirkt das bedrückend, ständig an den Tod erinnert zu werden. Aber damals, das Bild ist ja von 1637, damals ging man davon aus: Das Vergehen und Sterben ist gottgewollt. Man sollte den Blick auf’s Jenseits richten. Es ging auch darum über sich und das eigene Handeln zu reflektieren. Eitelkeit sollte man ablegen auf dem Weg zum ewigen Leben. Mit Vanitas-Stillleben wurde also gar nicht unbedingt negatives assoziiert.
Vanitas-Stillleben stecken daher voller Vergänglichkeitssymbole – so auch das Bild von Jacob Marrel aus der Kunsthalle Karlsruhe. Komplett offensichtlich wird das durch den Totenkopf. Mehr on the nose geht nicht. Das ist, als würde ich ein Bild über Liebe machen und ein fettes Herz drauf malen. Das hat übrigens der Fußballer Stefan Effenberg gemacht. Jap, der malt. Aber gut, der hatte seine einzige und erste Ausstellung auch in einem Fachgeschäft für Wasserpflanzen. Also, wie will man dem das Wasser reichen? Egal, es gibt auf dem Vanitas-Stillleben aber noch deutlich subtilere Symbole für Vergänglichkeit. Der Blumenstrauß auf dem Bild neigt sich langsam dem Ende, einige Blumen welken, ein Blütenblatt fällt gerade herunter. Die Insekten, die Eidechse und die Maus machen sich schon über die Reste her. Die Pfeife ist erloschen, der letzte Rauch des Tabaks ist flüchtig. Ich hatte ja eben auch die beiden kleinen Engel erwähnt. Der eine hat eine Sanduhr in der Hand, natürlich ein Symbol für die ablaufende Zeit. Und die Seifenblasen, die die eine Steinskulptur macht, stehen für die menschliche Zerbrechlichkeit.
So, das waren alles zwar sehr offensichtliche Symbole für Vergänglichkeit. Das Bild von Jacob Marrel ist aber noch deutlich vielschichtiger. Denn in das Werk hat der Künstler auch Anspielungen an die fünf Sinne eingebaut. Warum? Alles, was die Sinne erfreut, wurde als eitel angesehen. Man wollte vor Sinnlichkeit waren, die täuschend sein kann. Man sollte sich nicht den irdischen Gelüsten hingeben, sondern nach dem Jenseits streben. Alles klar, dann tauchen wir mal ein in das Reich der fünf Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken und tasten.
Der prächtige Blumenstrauß auf dem Stillleben steht für den Geruchssinn und das Sehen. Die schönen Schnittblumen sind dem Untergang geweiht, ihr Leben wurde durch das Abschneiden vorzeitig beendet.
Kommen wir zum Geschmackssinn, den verbildlicht die Zitrone. Sie verkörpert Luxus, denn im 17. Jahrhundert war die Zitrone keine heimische Frucht, sie musste teuer importiert werden. Die starke Säure der Zitrone stand damals aber auch für Mäßigung.
Auf dem Bild ist ja auch Tabak, der für das Schmecken und Riechen steht. Das Ganze löst sich aber wortwörtlich schnell in Rauch auf.
Dann gibt’s ja noch den Hörsinn. Dafür steht die Geige und das Notenbuch.
Der Tastsinn wird verkörpert durch die Münzen, einen Siegelring und das Gold, das natürlich auch das Auge erfreut. Damit sollte auch deutlich werden: Häng dein Herz nichts ans Geld, man kann nichts mit rüber nehmen.
Ihr merkt also, das hier ist ein sehr sinnliches Bild, das komplett zu Ende gedacht ist. Und wenn ihr denkt, das wäre schon alles gewesen – nope, da ist noch mehr.
Der Blick fürs Detail
Wenn man ganz genau auf die Blumenvase auf dem Vanitas-Stillleben achtet, dann sieht man in der Vase eine Spiegelung. Dort sieht man nämlich den Künstler Jacob Marrel bei der Arbeit. Man sieht ihn, wie er dieses Bild gerade malt. Es ist also ein verstecktes Selbstporträt. Der Maler platziert sich hier ganz unauffällig selbst in seinem Bild. Alles ist vergänglich, aber die Malerei überdauert uns. Also gewissermaßen schlägt der Künstler hier der Vergänglichkeit mit seinem Gemälde ein Schnippchen. Da seht ihr mal, wie fein dieses Bild gemalt ist. Denn diese Darstellung ist ja nur die Spiegelung in einer Vase. Spieglein, Spieglein in der Vase – dieses Bild ist erste Klasse. Ok, an dem Reim arbeite ich noch.
Es gibt noch ein weiteres spannendes Detail in dem Stillleben. Eine der Münzen auf dem Bild zeigt den römischen Kaiser Probus, eine andere zeigt den Kaiser Trajan. Das sind beides Anspielungen auf den Untergang des römischen Reiches – wieder mal die Message: Alles ist endlich. Ich glaube, so langsam habt ihr‘s verstanden.
Was macht das Werk so besonders?
Das Bild aus der Kunsthalle Karlsruhe ist das einzige Stillleben von Jacob Marrel mit Geige und Totenschädel. Ansonsten malte er eher Stillleben mit Blumen oder Frühstücksszenen. Die Kunsthalle Karlsruhe besitzt also ein echtes Ausnahmewerk. Tja, stabile Sammlung halt.
Der Epochen-Check
Jacob Marrel war ein deutscher Künstler, der 1614 in Frankenthal geboren wurde und 1681 in Frankfurt a.M. starb. Er lebte also im 17. Jahrhundert. Das war die Hochzeit von Stillleben. Stillleben hatten nämlich einen richtigen Hype in der Zeit von 1600 bis 1770. Ziemlich genau in diesen Zeitraum fällt auch die Kunstepoche Barock. Der Barock war eine sehr vielseitige Kunstrichtung. Oft sind die Gemälde sehr dynamisch und es wird viel mit dramatischem Licht gearbeitet. Es gab prunkvolle Bildnisse von Herrschenden. Es gab überbordende, sehr bewegte Darstellungen von Mythen und religiösen Themen. Es gab gigantische Deckengemälde. Und es gab eben auch viele Stillleben – vor allem in den Niederlanden. Hier wurde Jacob Marrel künstlerisch ausgebildet und er reiste auch danach immer wieder nach Utrecht.
Die Zeit des 17. Jahrhunderts bezeichnet man in den Niederlanden auch als „Goldenes Zeitalter“, denn es war eine Zeit von finanziellem und kulturellem Reichtum. „Goldenes Zeitalter“ ist allerdings durchaus beschönigend, denn dieser Reichtum kam vor allem durch die Kolonien der Niederlande zustande, die brutal ausgebeutet wurden. Aber die Leute in den Niederlanden hatten Geld und das gaben sie auch für Kunst aus. Zu der Zeit wurden Bilder wie am Fließband produziert und vor allem Stillleben waren sehr beliebt. Bei all dem Überfluss sollten sie daran erinnern: Übertreibt es nicht. Heutzutage verstehen wir viele von den Symbolen auf Jacob Marrels Bild nicht mehr auf Anhieb, aber damals war das anders. Deshalb ist es so spannend sich mit Kunst zu befassen, weil man immer auch was über Geschichte lernt. So, damit sind wir durch für heute. Ich sehe jetzt auf jeden Fall überall Vergänglichkeitssymbole. In diesem Sinne: Bleibt gesund, hört weiter Kunstsnack und bis in zwei Wochen zur nächsten Folge. Ciao.
Das war der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Mit Jakob Schwerdtfeger. Eine Produktion der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Abonniert unseren Podcast und folgt uns bei Instagram. Habt Ihr Themenwünsche, schreibt uns via Directmessage oder per Mail an digital@kunsthalle-karlsruhe.de.
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