Durch’s Klo zur Kunst: Die Windsbraut von Max Ernst | #63

Shownotes

Diese Folge des Kunstsnack widmet sich einem experimentierfreudigen Künstler, der die Betrachtenden in Fantasiewelten entführt. Max Ernst war einer der wichtigsten Vertreter des Surrealismus und entwickelte dabei eigene künstlerische Techniken. Was Käse, Ballermannhits und eine Toilette mit dem Kunstwerk "Die Windsbraut" zu tun haben, erzählt Kunstcomedian Jakob Schwerdtfeger in dieser Folge.

Das Werk in der Onlinesammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe: https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/kunstwerke/Max-Ernst/Die-Windsbraut/6444A92A457414BC2BC351935B3F0C18/

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Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Text: Jakob Schwerdtfeger
Redaktion: Lara Di Carlo, Tabea Schwarze
Idee: Daniela Sistermanns, Sarah Ball, Tabea Schwarze
Beratung: Thomas Frank
Ton und Schnitt: Lara Di Carlo
Sounddesign und Musik: Milan Fey, Auf die Ohren GmbH
Sprecher Intro und Outro: Martin Petermann, Auf die Ohren GmbH
Sprecherin der Rubriken: Lena Günther, Auf die Ohren GmbH
Foto: Bruno Kelzer | kelzer.de
Gestaltung: Pia Schmeckthal, Auf die Ohren GmbH

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Kunstsnack. Ein Podcast der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Durch’s Klo zur Kunst: Max Ernst, Die Windsbraut

In dieser Folge geht es um den berühmten Künstler Max Ernst. Der lebte von 1891 bis 1976. Und man muss mal sagen, dass sein Name irgendwie gar nicht passt. Denn Max ERNST war richtig lustig. Zum Beispiel hat er mal an einer Ausstellung teilgenommen, die man durch die Herrentoilette betreten musste – also durch’s Klo zur Kunst. Und in der Ausstellung konnte man dann Skulpturen von ihm mit einer Axt zerstören. Ich nenne dieses Genre Axt-Art – perfekt zum Abreagieren! Von Max Ernst ist auch eine meiner absoluten Lieblingsskulpturen „Mein Freund Pierrot“ – das ist ein super knuffiges Fantasiewesen, das die Zunge raus streckt. Außerdem ist war Max Ernst einer der experimentierfreudigsten Künstler, die ich kenne. Das sieht man sehr schön an seinem Bild „Die Windsbraut“ von 1927. Das Bild befindet sich in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und ist ein echtes Experimentierfeld der modernen Malerei. Viel Spaß mit dieser Folge!

Der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe mit dem Comedian und Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger.

Schaut euch das Bild von Max Ernst gerne in Ruhe an. In den Shownotes ist ein Link zu Abbildung. Ansonsten beschreibe ich euch das Bild jetzt auch knapp.

Was gibt‘s hier zu sehen? Bildliche Beschreibung

Wir haben es hier nicht mit einem wirklichkeitsgetreuen Bild zu tun. Es ist eine Art Fantasieszene. Ein Bild zwischen Traum und Fantasyfilm. Wir sehen zwei pferdeartige Wesen, die auf einem Hügel miteinander kämpfen. Teilweise sieht es so aus als hätten die Pferde keine haut. Und genau das erinnert mich ein bisschen an die Zombie-Pferde aus der Serie Game of Thrones. Max Ernst malt diese Pferde ineinander verdreht und in ungewöhnlichen Farben – nämlich grün und rot. Wobei so ungewöhnlich ist das ja gar nicht. Ein rotes Pferd hat es ja sogar in einen Ballermannhit geschafft:

„Da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt…“

Viel Spaß mit diesem gruseligen Ohrwurm! Apropos gruselig. Das Bild von Max Ernst ist ansonsten ziemlich düster und berdrohlich. Der Himmel ist dunkelgrau. Es gibt keine Sonne und keinen Mond. Am Himmel ist einfach nur ein Kreis in den Farben gelb, grün, weiß. Die Farben gehen ineinander über. Also, zusammengefasst: kleiner Hügel, grauer Himmel, bunter Kreis. Mehr ist auf dem Bild nicht los. Der komplette Fokus liegt auf dem Fantasy-Pferde-Fight. Und auf der Malweise und um die geht’s jetzt.

Wie ist es gemacht? Technische Details

Ich hatte ja schon gesagt: Ich bewundere Max Ernst für seine Experimentierfreudigkeit und die wird in dem Bild aus der Kunsthalle Karlsruhe sehr deutlich. Hier wurde nämlich nur wenig klassisch mit dem Pinsel gemalt – z.B. der Kreis am Himmel. Aber große Teile der Pferde wurden ganz anders gemalt – und zwar mit Schnüren. Die wurden in Farbe getunkt und zufällig auf die Leinwand geworfen – die Farbspuren blieben dann als Abdrücke auf dem Bild zurück. Diese Schnur-Technik nennt man „Empreinte“. Hier läuft die Malerei im wahrsten Sinne wie am Schnürchen.

Es geht aber noch weiter mit der Experimentierfreudigkeit von Max Ernst. Er arbeitet hier außerdem mit der Technik der sogenannten „Grattage“. Diese Maltechnik hat Max Ernst selbst erfunden. Bei der Grattage werden Gegenstände unter die Leinwand gelegt und dann malt man darüber – so drücken sich die Gegenstände durch die Leinwand durch. Auf dem Bild dieser Folge ist ja ein Hügel. Darauf ist eine graue Farbpartie mit einer kordelartigen Struktur. Da wurde vermutlich eine Schnur, ein Seil oder eine Kordel durch die Leinwand gedrückt. Eine großartige Grattage!

Worum geht’s hier eigentlich? Die Message

Das Bild dieser Folge trägt den Titel „Die Windsbraut“. Der Begriff Windsbraut bezeichnet einen starken Wind oder Sturm. Also, eine sehr windige Angelegenheit. Und auch in der in der griechischen Mythologie gab es die Figur Windsbraut. Das war ein Wesen, das Frieden und Gerechtigkeit herstellen sollte – auch mit Gewalt.

Max Ernst war von dem Thema der Windsbraut fasziniert und malte dieses Motiv immer wieder. Ein wichtiger Einfluss war das Bild „Windsbraut“ von dem Maler Oskar Kokoschka. Der malte seine „Windsbraut“ 1914, Max Ernsts Version aus Karlsruhe ist von 1927. Die „Windsbraut“ von Kokoschka hängt im Kunstmuseum Basel. Und ganz ehrlich, allein dafür lohnt sich eine Reise nach Basel. Auf dem Bild liegt eine Frau schlafend in den Armen eines Mannes. Der hat sie Augen sperrangelweit offen und wirkt sehr, sehr nachdenklich. Etwas scheint ihn um den Schlaf zu bringen und wach zu halten. Ich habe dieses Bild gerade vor ein paar Wochen wieder gesehen und stand sicher eine Viertelstunde regungslos davor. Für mich fängt die Windsbraut von Kokoschka ein Gefühl perfekt ein: Wenn man manchmal nachts müde und schutzlos ist und die Sorgen auf einen einströmen, die man tagsüber verdrängt hat. Das macht dieses Bild so intensiv. Und auch auf Max Ernst hat das Bild einen enormen Eindruck gemacht. Die komplexe Beziehung der zwei Menschen, also die Frau die schläft und der Mann der da wach liegt, diese komplexe Beziehung überträgt Max Ernst auf die zwei Pferdewesen.

Pferdegestalten sind in der Kunstgeschichte schon lange ein Symbol für animalische Wildheit und das Triebhafte. Also, wenn man möchte, kann man in dieses Bild durchaus eine erotische Ebene rein interpretieren. Der Kampf der Pferde kann aber auch als Verarbeiten des Ersten Weltkriegs gesehen werden, wo Menschen zu Tieren wurden. Vielleicht ist das Bild auch ein allgemeiner Kommentar auf die unruhige Zeit, zu der es 1927 entstand. Max Ernst setzte sich Ende der 1920er außerdem für freie Liebe ein – vielleicht stehen die Pferde für diese Freiheit und Leidenschaft. Ihr seht, viele mögliche Lesweisen, aber eine klare Message ist schwer auszumachen. Das ist nicht untypisch für die Kunstrichtung Surrealismus. Dazu gehörte Max Ernst und das Ganze erkläre ich euch jetzt.

Der Epochen-Check

Max Ernst gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Surrealismus, ein surrealer Superstar. Der Surrealismus begann Anfang der 1920er Jahre in Paris. Man wollte das Unbewusste ausdrücken. Es ging darum, das Rationale und Kontrollierte auszuschalten bzw. zu überwinden. Deshalb waren Träume eine wichtige Inspirationsquelle, aber auch Rauschzustände durch Schlafmangel oder Drogen. Trance und Hypnose waren auch sehr beliebt. Hauptsache nicht bewusst denken. Man kann auch sagen: Im Surrealismus hat die Kunst richtig am Zeiger gedreht.

Kennt ihr dieses Kinderspiel? Einer malt den Kopf und faltet das Blatt um. Die nächste malt den Körper, ohne zu wissen, was der Kopf darstellt. Der nächste malt die Beine – usw. Diese künstlerische Technik wurde im Surrealismus erfunden und heißt „cadavre equis“. Auch hier versuchte man die Kontrolle auszuschalten und den Zufall zu pushen. Ähnlich ist es bei der Maltechnik Grattage von Max Ernst. Da geht es ja auch darum, Objekte unter das Bild zu legen und zufällige neue Muster zu kreieren.

Im Surrealismus gab es auch das automatische Schreiben. Das automatische Schreiben war aber kein Roboter-Gedichte-Wettbewerb. Beim automatischen Schreiben geht es darum, dass Menschen einfach alles ganz schnell und ungefiltert runterschreiben. Alles, was einem einfällt. Egal, ob der Satzbau korrekt ist oder ob das alles logisch ist. Egal! Hauptsache einfach alles möglichst pur raushauen. So wollte man an das Unbewusste herankommen. Man wollte vordringen zu den natürlichen Sehnsüchten, Begierden und Trieben des Menschen.

Ganz wichtig für den Surrealismus war die Psychoanalyse von Sigmund Freud. Er entwickelte Theorien über unbewusste, psychische Vorgänge. Im Prinzip übersetzte der Surrealismus die Psychoanalyse in Bildform. Egal ob Malerei, Foto, Skulptur oder Film – immer wieder versuchen die Werke, die Grenze zwischen Traum und Realität aufzuheben, die Grenze zwischen innerer und äußerer Welt.

„Die Windsbraut“ von Max Ernst passt da gut rein. Die Wesen auf dem Bild wirken wie Pferde und trotzdem sind es keine normalen Pferde. Der Kreis am Himmel wirkt wie ein Mond und trotzdem ist es kein normaler Mond. Man schaut das Bild an und fühlt sich an vieles erinnert. Gleichzeitig checkt man sofort, hier stimmt einiges nicht. Genau diese Absurdität ist ein Erkennungsmerkmal des Surrealismus. Das wohl bekannteste surrealistische Bild sind diese fließenden Uhren von Salvador Dalí. Die wurden übrigens laut Dalí angeblich inspiriert von zerlaufendem Camembert. Käse und Kunst sind also näher beieinander, als man denkt. Und das kann nur der Surrealismus.

Kurioses aus der Kunstwelt

Vielleicht habt ihr schon mal von Jackson Pollock gehört. Das ist ein US-amerikanischer Künstler, der in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sehr bekannt wurde. Jackson Pollock hat das sogenannte Action Painting entwickelt. Dafür legte er eine Leinwand auf den Boden und schleuderte Farbe darauf. Oder er bohrte Löcher in Dosen und ließ daraus Farbe auf die Leinwand tropfen. Genau diese Technik mit den Dosen geht auf Max Ernst zurück! Diese Idee stammt von ihm. Max Ernst – Vater des Action Painting und Vater der Pferde-Fights. Ihr merkt also noch mal, wie experimentierfreudig er war. Es ist es ein echtes Geschenk, dass so ein zentrales Werk von Max Ernst in Karlsruhe hängt und man sich das einfach im Original anschauen kann. Ich kann es euch auf jeden Fall nur empfehlen, das Bild ist wirklich toll! In zwei Wochen nehmen wir uns dann direkt das nächste Werk aus der Kunsthalle Karlsruhe vor. Bis dahin, macht’s gut und abonniert gern kostenlos diesen Podcast. Ciao.

Das war der Kunstsnack – Kurze Facts leicht bekömmlich. Mit Jakob Schwerdtfeger. Eine Produktion der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Abonniert unseren Podcast und folgt uns bei Instagram. Habt Ihr Themenwünsche, schreibt uns via Directmessage oder per Mail an digital@kunsthalle-karlsruhe.de.

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